PER354

Das Gespräch mit den beiden Übeltätern an seiner Seite

Perikope 354 analysiert das einzigartige Gespräch, das Lukas zwischen Jesus und den beiden neben ihm gekreuzigten Übeltätern überliefert (Lk 23,39-43). Der eine verspottet Jesus, der andere erkennt seine Schuld an, bekennt die Unschuld Jesu und bittet darum, in sein Reich aufgenommen zu werden. Jesus verheißt ihm das Paradies „heute“. Diese Stelle offenbart ein zentrales theologisches Paradox: Jesus rettet vom Kreuz aus und zeigt eine geistliche Autorität gerade dort, wo alles ihr zu widersprechen scheint.

13 Min. Kreuzigung Übeltäter Gespräch Lukas Paradies 19 Verse 4 Bücher

Weiterführende Lektüre

Bibeltexte

Matthäus
Matthäus 27.35-44 ( 1912)

Da sie ihn aber gekreuzigt hatten, teilten sie seine Kleider und warfen das Los darum, auf daß erfüllet würde, was gesagt ist durch den Propheten: “Sie haben meine Kleider unter sich geteilt, und über mein Gewand haben sie das Los geworfen.”

Und sie saßen allda und hüteten sein.

Und oben zu seinen Häupten setzten sie die Ursache seines Todes, und war geschrieben: Dies ist Jesus, der Juden König.

Und da wurden zwei Mörder mit ihm gekreuzigt, einer zur Rechten und einer zur Linken.

Die aber vorübergingen, lästerten ihn und schüttelten ihre Köpfe

und sprachen: Der du den Tempel Gottes zerbrichst und baust ihn in drei Tagen, hilf dir selber! Bist du Gottes Sohn, so steig herab von Kreuz.

Desgleichen auch die Hohenpriester spotteten sein samt den Schriftgelehrten und Ältesten und sprachen:

Andern hat er geholfen, und kann sich selber nicht helfen. Ist er der König Israels, so steige er nun vom Kreuz, so wollen wir ihm glauben.

Er hat Gott vertraut; der erlöse ihn nun, hat er Lust zu ihm; denn er hat gesagt: Ich bin Gottes Sohn.

Desgleichen schmähten ihn auch die Mörder, die mit ihm gekreuzigt waren.

Markus
Markus 15.24 ( 1912)

Und da sie ihn gekreuzigt hatten, teilten sie seine Kleider und warfen das Los darum, wer etwas bekäme.

Lukas
Lukas 23.34 ( 1912)

Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen sie wissen nicht, was sie tun! Und sie teilten seine Kleider und warfen das Los darum.

Johannes
Johannes 19.23-24 ( 1912)

Die Kriegsknechte aber, da sie Jesus gekreuzigt hatten, nahmen sie seine Kleider und machten vier Teile, einem jeglichen Kriegsknecht ein Teil, dazu auch den Rock. Der Rock aber war ungenäht, von obenan gewirkt durch und durch.

Da sprachen sie untereinander: Laßt uns den nicht zerteilen, sondern darum losen, wes er sein soll. (Auf daß erfüllet würde die Schrift, die da sagt: “Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über meinen Rock das Los geworfen.”) Solches taten die Kriegsknechte.

Technische Einzelheiten

Jahr 33 n. Chr.

Ort: Der Berg Golgatha

Datum: Freitag, 1. April, am Morgen

Vorgehensweise: Wir folgen nun Lukas

Anmerkung zur Vorgehensweise: Lukas ist der Einzige, der Einzelheiten über das Gespräch mit den Übeltätern überliefert

Karte von Jerusalem und Umgebung
Balkendiagramm Freitag

Entgegen aller Erwartung entspinnt sich ein Gespräch zwischen Jesus und den beiden Übeltätern.

Chronologische Einzelheiten nach unseren Schlussfolgerungen:

_23 Die Kreuzigung beginnt also nach dem Text des Markus gegen 9 Uhr. Die Ungenauigkeit der Zeitangabe lässt Raum für die Zeit, die der Weg zum Berg Golgatha benötigt. Markus 15.20-41 ; Matthäus 27.31-56 ; Lukas 23.26-49 ; Johannes 18.17-30.

_24 Alle diese Mitglieder des können nun, mit ruhigem Gemüt nach dem, was sie für einen glänzenden Sieg halten, am Passafest im Familienkreis teilnehmen. Doch die Ereignisse werden nicht so verlaufen, wie sie es sich vorgestellt haben!

Die vollständige Chronologie finden Sie in der Studie ANN026 : Die Stunde der Kreuzigung.

Kommentar:

Die anderen Evangelien erwähnen durchaus die Anwesenheit zweier mit Jesus gekreuzigter Übeltäter (vgl. Matthäus 27.38 ; Markus 15.27) und halten sogar fest, dass sie sich an den Beschimpfungen beteiligen (vgl. Matthäus 27.44 ; Markus 15.32). Aber nur Lukas berichtet vom weiteren Verlauf der Szene und hebt ein bewegendes Gespräch hervor (vgl. Lukas 23.39-43).

Mitten in einem Schauspiel äußerster Gewalt – zur Schau gestellte Körper, öffentliches Leiden, Spott – lässt Lukas ein unerwartetes Wort erklingen. Einer der Übeltäter verharrt im Hohn:

Lukas 23.39 ( 1912) :
Aber der Übeltäter einer, die da gehenkt waren, lästerte ihn und sprach: Bist du Christus, so hilf dir selber und uns!

In Wirklichkeit greift er den Spott auf, den er um sich herum gehört hat. Seine Bitte ist kein Glaube, sondern eine Provokation: Er erwartet einen Messias, der seine Macht beweisen würde, indem er dem Kreuz entkommt.

Der andere Übeltäter nimmt eine radikal andere Haltung ein. Er weist seinen Gefährten zurecht: „Fürchtest du dich nicht vor Gott …?“ (vgl. Lukas 23.40). Zuerst erkennt er seine eigene Schuld an: „für uns ist es gerecht“ (vgl. Lukas 23.41). Dann bekennt er die Unschuld Jesu: „dieser aber hat nichts Unrechtes getan“ (vgl. Lukas 23.41). In wenigen Worten drückt er eine echte Umkehr aus: Anerkennung seiner Schuld, Gottesfurcht und Einsicht in die Person Jesu.

Seine Bitte ist bemerkenswert in ihrer Schlichtheit:

Lukas 23.42 ( 1912) :
Und er sprach zu Jesu: HERR, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst!

Er bittet nicht darum, vom Kreuz befreit zu werden, sondern in das kommende Reich aufgenommen zu werden. Das zeigt, dass er in Jesus einen König erkennt, trotz seiner scheinbaren Schwäche. Sein Glaube zeigt sich gerade dort, wo alles diesem Königtum zu widersprechen scheint.

Die Antwort Jesu kommt sofort und ist feierlich:

Lukas 23.43 (Lutherbibel 1912) :
Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradiese sein.

Selbst mitten im Leiden spricht Jesus mit Autorität. Er verweist nicht auf eine ferne Zukunft: Das Heil wird „heute“ zugesagt. Der Begriff „Paradies“ ruft die Gemeinschaft mit Gott in Erinnerung, eine Verheißung des Lebens jenseits des Todes.

Diese Stelle offenbart einen eindrücklichen Gegensatz: Zwei Männer in derselben Lage reagieren gegensätzlich, und ihr Schicksal geht auseinander. Der eine bleibt in der Ablehnung, der andere öffnet sich der Gnade. So wird das Kreuz zu einem Ort, an dem die Herzen offenbar werden.

Lukas hebt auch einen zentralen Aspekt hervor: Jesus rettet, gerade obwohl er unfähig scheint, sich selbst zu retten. Die Spötter fordern einen sichtbaren Machterweis; Jesus zeigt geistliche Autorität, indem er das Heil schenkt. Gerade indem er am Kreuz bleibt, erfüllt er seinen Auftrag.

Schließlich unterstreicht dieses Gespräch, dass das Heil weder von der Vergangenheit noch von Werken abhängt, sondern von einem Vertrauen, das auf Jesus gesetzt wird. Dieser Mann, am Ende seines Lebens und ohne jede Möglichkeit der Wiedergutmachung, empfängt dennoch eine volle und unmittelbare Verheißung.