Das Buch Daniel folgt nicht einfach einer zeitlichen Abfolge. Seine Komposition verbindet geschichtliche Erzählungen mit prophetischen Visionen, wechselt zwischen Hebräisch und Aramäisch und weist mehrere bemerkenswerte literarische Entsprechungen auf. Die deutlichste zeigt sich im aramäischen Abschnitt von Daniel 2 bis 7, der um drei große Themen aufgebaut ist: die Abfolge der Reiche, die Rettung der Treuen und das Gericht über die Herrscher. Wer diese Architektur versteht, erfasst die Einheit des Buches besser, bevor er sich an das Einzelstudium macht.
Aufbau und Gliederung des Buches Daniel
Der Artikel untersucht den vielschichtigen Aufbau des Buches Daniel, in dem geschichtliche Erzählungen und prophetische Visionen mit sprachlichen Besonderheiten verbunden sind. Der aramäische Abschnitt (Daniel 2-7) weist reiche literarische Strukturen und Themen wie die Abfolge der Reiche und die Treue auf und belegt so die Einheit und Tiefe des Buches.
Aufbau und Gliederung des Buches Daniel
Einleitung
Das Buch Daniel hat einen komplexeren Aufbau als eine bloße Unterteilung in geschichtliche Erzählungen und prophetische Visionen.
Die traditionelle Unterscheidung zwischen Daniel 1-6 und Daniel 7-12 bleibt nützlich. Die ersten sechs Kapitel sind überwiegend erzählend, während in den letzten sechs die Visionen, die Daniel empfängt, im Vordergrund stehen.
Diese Einteilung genügt jedoch nicht, um dem Aufbau des Buches gerecht zu werden.
Daniel 2, das im erzählenden Teil steht, enthält bereits eine große Weissagung über die Abfolge der Reiche. Daniel 7, das zu den Visionen gehört, bleibt sprachlich dem aramäischen Abschnitt zugeordnet, der in Daniel 2.4 beginnt. Die Kapitel 7 und 8 liegen zudem zeitlich vor den Ereignissen, die in Daniel 5 erzählt werden.
Das Buch ist also nach mehreren Prinzipien gegliedert, die einander überlagern:
- eine erzählende und prophetische Gliederung;
- eine sprachliche Gliederung;
- eine literarische Gliederung;
- eine geschichtliche Entwicklung;
- eine theologische Entwicklung.
Diese verschiedenen Ebenen stehen nicht im Gegensatz zueinander. Gemeinsam tragen sie zur Einheit des Werkes bei.
Kommentar 1 - Die Ordnung des Buches ist nicht streng chronologisch
Die Kapitel Daniels sind nicht allein nach der geschichtlichen Abfolge der Ereignisse angeordnet. Manche Visionen stehen nach Erzählungen, die zeitlich eigentlich später liegen. Diese Anordnung zeigt, dass die Logik des Buches auch literarisch und theologisch bestimmt ist.
1. Die Visionen von Daniel 7 und 8 liegen vor dem Fall Babylons
Daniel 5 erzählt von der letzten Nacht Belsazars und dem Fall Babylons.
Doch Daniel 7 beginnt mit einer genauen zeitlichen Angabe:
„Im ersten Jahr Belsazars, des Königs von Babel, hatte Daniel einen Traum“ (Daniel 7.1).
Auch Daniel 8 spielt in der Regierungszeit Belsazars:
„Im dritten Jahr der Regierung des Königs Belsazar“ (Daniel 8.1).
Die Visionen von Daniel 7 und 8 liegen also vor dem Sturz Belsazars, von dem in Kapitel 5 berichtet wird.
Wäre das Buch allein nach der Chronologie geordnet, hätten diese Visionen vor dem Bericht vom Fall Babylons stehen müssen.
Das ist nicht der Fall.
2. Chronologische und literarische Ordnung
Diese Beobachtung führt dazu, zwei Wirklichkeiten zu unterscheiden.
Die chronologische Ordnung erlaubt es, die geschichtliche Abfolge der Ereignisse im Leben Daniels nachzuzeichnen.
Die literarische Ordnung entspricht der Weise, in der diese Ereignisse und Visionen im Buch angeordnet wurden.
Beide stimmen nicht immer überein.
Dieser Unterschied weist nicht auf eine Unordnung im Aufbau hin. Er zeigt im Gegenteil, dass das Buch bestimmte Texte nach ihrem Inhalt zusammenrückt.
Daniel 7 steht deshalb am Ende des großen aramäischen Abschnitts, weil es unmittelbar auf Daniel 2 antwortet.
3. Eine methodische Folgerung
Das Studium Daniels muss daher zwei Lesarten zugleich anwenden.
Die erste folgt der heutigen Reihenfolge der zwölf Kapitel, um den Aufbau des Buches zu wahren.
Die zweite berücksichtigt die geschichtliche Chronologie, wenn dies nötig ist, um Daniel, die Herrscher und die Visionen einzuordnen.
Diese Unterscheidung verhindert, dass man den literarischen Fortgang des Buches mit der genauen Abfolge der Ereignisse verwechselt.
Kommentar 2 - Ein von den Sprachen bestimmter Aufbau
Daniel verwendet hauptsächlich zwei Sprachen, Hebräisch und Aramäisch. Ihre Verteilung entspricht nicht genau der Einteilung in Erzählungen und Visionen. Sie zeigt vor allem eine bedeutende literarische Einheit, die von Daniel 2.4 bis zum Ende von Daniel 7 reicht.
1. Hebräisch, Aramäisch, dann wieder Hebräisch
Die allgemeine sprachliche Verteilung ist die folgende:
Daniel 1.1-2.4a: Hebräisch
Daniel 2.4b-7.28: Aramäisch
Daniel 8.1-12.13: Hebräisch
Der Übergang zum Aramäischen erfolgt in Daniel 2.4, als die Chaldäer dem König antworten.
Die Rückkehr zum Hebräischen geschieht zu Beginn von Daniel 8.
Dieser Aufbau ist wichtig, um die Gliederung des Buches zu verstehen.
2. Eine andere Einteilung als Erzählungen/Visionen
Die sprachliche Einteilung entspricht nicht genau der gewohnten Einteilung:
Daniel 1-6: Erzählungen;
Daniel 7-12: Visionen.
Daniel 7 gehört zu den Visionen, bleibt aber im aramäischen Abschnitt.
Diese Besonderheit rückt Daniel 7 sofort in die Nähe der vorangehenden Kapitel, besonders von Daniel 2.
3. Daniel 2 und Daniel 7 an den Enden des Abschnitts
Diese Beziehung ist besonders bedeutsam.
Daniel 2 stellt mehrere Reiche in Gestalt eines Standbildes aus verschiedenen Materialien dar.
Daniel 7 stellt mehrere Reiche in der Gestalt von vier Tieren dar.
Beide Visionen münden schließlich in die Überwindung der irdischen Reiche durch eine von Gott aufgerichtete Herrschaft.
Der aramäische Abschnitt beginnt also mit einer Vision über die Reiche und endet mit einer weiteren Vision über die Reiche.
Diese Entsprechung ist der erste Hinweis auf eine tiefere Gliederung von Daniel 2 bis 7.
Kommentar 3 - Die Spiegelstruktur von Daniel 2 bis 7
Der aramäische Abschnitt Daniels weist eine besonders bemerkenswerte konzentrische Anordnung auf. Daniel 2 entspricht Daniel 7, Daniel 3 entspricht Daniel 6 und Daniel 4 entspricht Daniel 5. Diese Struktur stellt nacheinander die menschlichen Reiche, die Rettung der Treuen und das Gericht über die Herrscher zueinander in Beziehung.
1. Eine konzentrische Struktur
Die Kapitel 2 bis 7 lassen sich so anordnen:
A - Daniel 2: die menschlichen Reiche und das Reich Gottes
B - Daniel 3: die Knechte Gottes, bedroht und dann gerettet
C - Daniel 4: ein stolzer König, gedemütigt und dann wiederhergestellt
C' - Daniel 5: ein stolzer König, gerichtet und gestürzt
B' - Daniel 6: der Knecht Gottes, bedroht und dann gerettet
A' - Daniel 7: die menschlichen Reiche und die ewige Herrschaft
Die Entsprechungen betreffen die großen Themen und die Funktion der Erzählungen.
Diese Anordnung wird durch die sprachliche Einheit des Abschnitts verstärkt.
2. Daniel 2 und Daniel 7 - Die Reiche
Daniel 2 und Daniel 7 stellen beide eine Abfolge irdischer Mächte dar.
In Daniel 2 erscheinen sie in Gestalt eines Standbildes.
In Daniel 7 werden sie durch Tiere dargestellt.
Daniel 2 verkündet:
„Zur Zeit dieser Könige wird der Gott des Himmels ein Reich aufrichten, das in Ewigkeit nicht zerstört wird“ (Daniel 2.44).
Auch Daniel 7 führt zur Überwindung der menschlichen Reiche, wenn „einer, der einem Menschensohn glich“, empfängt:
„Herrschaft, Ehre und Reich“ (Daniel 7.13-14).
Der grundlegende Verlauf ist vergleichbar:
irdische Reiche → Gericht → endgültige Herrschaft von Gott her.
3. Zwei einander ergänzende Blickwinkel
Die verwendeten Bilder sind jedoch nicht identisch.
Daniel 2 stellt die Reiche in der eindrucksvollen Gestalt eines Standbildes dar.
Daniel 7 zeigt sie als bedrohliche Tiere, die aus dem Meer aufsteigen.
Beide Darstellungen erlauben es, die imperiale Macht aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten.
Die erste hebt insbesondere ihre sichtbare Größe und ihre Abfolge hervor.
Die zweite lässt eher ihren gewalttätigen und räuberischen Charakter hervortreten.
Die beiden Visionen ergänzen einander, ohne bloße Wiederholungen zu sein.
Kommentar 4 - Daniel 3 und Daniel 6: die Treue auf dem Prüfstand
Die zweite Parallele des aramäischen Abschnitts betrifft die Verfolgung der Treuen. In Daniel 3 wie in Daniel 6 gerät ein politischer Beschluss in Konflikt mit der Treue zu Gott. Die Knechte Gottes weigern sich nachzugeben und werden verurteilt, bevor sie gerettet werden.
1. Zwei Konflikte zwischen Autorität und Treue
In Daniel 3 müssen sich Schadrach, Meschach und Abed-Nego vor dem Standbild niederwerfen, das Nebukadnezar aufgestellt hat.
Sie weigern sich.
In Daniel 6 verbietet ein Erlass zeitweilig, eine Bitte an einen Gott oder einen Menschen außer dem König zu richten.
Daniel betet weiter.
In beiden Erzählungen werden die Knechte Gottes nicht wegen eines gewöhnlichen politischen Aufruhrs verurteilt.
Der Konflikt entsteht, weil eine Entscheidung der Macht ein Verhalten verlangt, das mit ihrer religiösen Treue unvereinbar ist.
2. Ein vergleichbarer Erzählverlauf
Daniel 3 lässt sich so zusammenfassen:
königlicher Befehl → Weigerung → Anklage → Verurteilung → Feuerofen → Eingreifen Gottes → Rettung.
Daniel 6 folgt einem vergleichbaren Verlauf:
Erlass → Treue → Anklage → Verurteilung → Löwengrube → Eingreifen Gottes → Rettung.
Die Mittel der Verurteilung unterscheiden sich, aber die Funktion der beiden Erzählungen ist ähnlich.
Die menschliche Macht kann ein Urteil aussprechen.
Dennoch besitzt sie keine absolute Gewalt über dessen Vollstreckung.
3. Ein wichtiger Unterschied
Die beiden Erzählungen dürfen jedoch nicht miteinander verwechselt werden.
In Daniel 3 geht die Forderung, die zur Verurteilung führt, von Nebukadnezar selbst aus.
In Daniel 6 wird Darius von Amtsträgern manipuliert, die seine Autorität benutzen, um Daniel zu beseitigen.
Der König versucht danach, Daniel zu retten (Daniel 6.13).
Dieser Unterschied bestätigt, dass es sich nicht um zwei Fassungen derselben Erzählung handelt, sondern um zwei verschiedene Episoden, die um eine vergleichbare theologische Frage herum aufgebaut sind.
Kommentar 5 - Daniel 4 und Daniel 5: zwei Herrscher vor dem Gericht
In der Mitte der Struktur stehen zwei babylonische Herrscher, die dem Gericht Gottes begegnen. Nebukadnezar wird gedemütigt und dann wiederhergestellt; Belsazar, der dessen Geschichte kannte, weigert sich, sich zu demütigen, und verliert sein Reich.
1. Der Stolz der Herrscher
Daniel 4 zeigt Nebukadnezar auf dem Gipfel seiner Macht.
Der König betrachtet Babylon und schreibt seine Größe der eigenen Macht zu (Daniel 4.30).
Daniel 5 zeigt Belsazar bei einem Festmahl, bei dem die Gefäße aus dem Tempel in Jerusalem entweiht werden.
In beiden Erzählungen handelt der Herrscher, als gehörten seine Stellung und seine Macht ihm ohne jede Grenze.
2. Nebukadnezar gedemütigt und wiederhergestellt
Daniel hatte Nebukadnezar jedoch gewarnt.
Der König wird schließlich gedemütigt, bis er die Herrschaft des Höchsten anerkennt.
Sein Verstand kehrt zu ihm zurück, und sein Königtum wird wiederhergestellt.
Das Gericht hat hier also eine heilsame, zurechtbringende Dimension.
3. Belsazar gerichtet
Die Lage Belsazars ist anders.
Daniel erinnert ihn ausdrücklich an die Erfahrung Nebukadnezars:
„Du aber, Belsazar, sein Sohn, hast dein Herz nicht gedemütigt, obwohl du das alles wusstest“ (Daniel 5.22).
Die Verbindung zwischen Daniel 4 und Daniel 5 wird also vom Text selbst hergestellt.
Belsazar hatte ein Beispiel vor Augen.
Dennoch demütigt er sich nicht.
Sein Reich wird gezählt, gewogen und übergeben.
Er stirbt in derselben Nacht.
4. Das theologische Zentrum des Abschnitts
Daniel 4 und Daniel 5 stellen so eine grundlegende Aussage in die Mitte der Struktur:
Die Macht der Herrscher ist nicht absolut.
Sie kann gegeben werden.
Sie kann begrenzt werden.
Sie kann entzogen werden.
Daniel 4 fasst diesen Grundsatz zusammen mit der Aussage:
„der Höchste über das Reich der Menschen herrscht“ (Daniel 4.25).
Diese Erklärung wirft Licht auf den gesamten aramäischen Abschnitt.
Kommentar 6 - Eine Struktur, die man nicht überinterpretieren darf
Die Spiegelstruktur von Daniel 2 bis 7 ist deutlich genug, um festgehalten zu werden. Sie darf jedoch nicht dazu verleiten, künstlich nach einer Entsprechung für jedes Detail der Kapitel zu suchen.
1. Thematische Entsprechungen
Im Kern stützt sich auf drei große Parallelen:
Daniel 2 / Daniel 7: die Reiche
Daniel 3 / Daniel 6: die verfolgten und geretteten Treuen
Daniel 4 / Daniel 5: die gerichteten Herrscher
Diese Entsprechungen sind einfach und unmittelbar zu beobachten.
2. Die Grenzen des Vergleichs
Es wäre dagegen übertrieben, für jedes Detail von Daniel 2 in Daniel 7 oder von Daniel 3 in Daniel 6 eine genaue Entsprechung zu suchen.
Die Struktur betrifft die großen Themen und die erzählerischen Funktionen.
Ihre Stärke beruht gerade auf diesen allgemeinen Entsprechungen.
Deshalb muss die Struktur anerkennen, ohne von ihr mehr zu verlangen, als der Text zu belegen erlaubt.
Kommentar 7 - Daniel 1: die Schwelle zum ganzen Buch
Daniel 1 steht vor dem großen aramäischen Abschnitt und bildet die geschichtliche, erzählerische und theologische Einleitung des Werkes. Eine Bemerkung am Schluss kündigt bereits an, dass Daniel das Reich überleben wird, das ihn soeben in die Gefangenschaft geführt hat.
1. Ein erzählerischer Fortgang
Daniel 1 lässt sich in vier Bewegungen gliedern:
Daniel 1.1-7: Ankunft in Babylon und Aufnahme in die königliche Ausbildung;
Daniel 1.8-16: Entscheidung über die Speisen;
Daniel 1.17-20: von Gott geschenkte Weisheit;
Daniel 1.21: Daniels Gegenwart bis zur Regierungszeit des Kyrus.
Dieser Aufbau folgt einem natürlichen Verlauf: Ausgangslage, Prüfung, Treue, Eingreifen Gottes und Ergebnis.
Es ist daher besser, von einer gegliederten Komposition zu sprechen, als darin unbedingt nach dem zu suchen, was in Daniel 2-7 zeigt.
Daniel 1.21 und das künftige Verschwinden Babylons
Der letzte Satz des Kapitels hat eine Tragweite, die über den unmittelbaren Bericht hinausgeht:
„So blieb Daniel bis zum ersten Jahr des Königs Kyros“ (Daniel 1.21).
Daniel kommt unter Nebukadnezar nach Babylon.
Dennoch erfährt der Leser schon im ersten Kapitel, dass er zur Zeit des Kyrus noch da sein wird.
Dieser schlichte Hinweis kündigt unausgesprochen eine gewaltige Wirklichkeit an:
Daniel wird das Reich überleben, das ihn in die Gefangenschaft geführt hat.
Babylon scheint am Anfang des Buches zu triumphieren.
Doch Daniel 1.21 zeigt schon, dass seine Herrschaft nicht endgültig ist.
Kommentar 8 - Daniel 8 und Daniel 9: zwei besondere Entwicklungen
Nachdem sich der große aramäische Abschnitt in Daniel 7 geschlossen hat, kehrt das Buch zum Hebräischen zurück. Daniel 8 und Daniel 9 haben jeweils einen eigenen Aufbau, der respektiert werden muss, ohne ihnen künstlich die Struktur von Daniel 2-7 aufzuzwingen.
1. Daniel 8: vom Symbol zur Deutung
Daniel 8 folgt einem verhältnismäßig klaren Verlauf:
Daniel 8.1-2: Rahmen der Vision;
Daniel 8.3-4: der Widder;
Daniel 8.5-8: der Ziegenbock;
Daniel 8.9-14: das kleine Horn und das Heiligtum;
Daniel 8.15-26: Deutung;
Daniel 8.27: Reaktion Daniels.
Die wichtigste Besonderheit des Kapitels liegt in der ausdrücklichen Deutung mehrerer Symbole.
Der Widder steht für „die Könige von Medien und Persien“, der Ziegenbock für den „König von Jawan“ (Daniel 8.20-21).
Der Verlauf führt also vom Symbol zu seiner Deutung.
2. Daniel 9: von der studierten zur empfangenen Weissagung
Daniel 9 hat einen anderen Aufbau:
Daniel 9.1-2: Lektüre Jeremias;
Daniel 9.3-19: Gebet und Bekenntnis;
Daniel 9.20-23: Eingreifen Gabriels;
Daniel 9.24-27: Offenbarung der siebzig Wochen.
Der Verlauf lässt sich so zusammenfassen:
frühere Weissagung → Verständnis → Gebet → neue Offenbarung.
Daniel sinnt über die siebzig Jahre nach, die Jeremia angekündigt hat.
Die Antwort, die er erhält, führt dann die siebzig Wochen ein.
Dieser Aufbau stellt eine unmittelbare Verbindung her zwischen dem Studium bereits gegebener Weissagungen und dem Empfang einer neuen Offenbarung.
Kommentar 9 - Daniel 10 bis 12: eine einzige große Offenbarung
Die letzten drei Kapitel bilden eine zusammenhängende Einheit. Daniel 10 leitet die Offenbarung ein, Daniel 11 entfaltet ihren Hauptinhalt, und Daniel 12 führt sie auf ihren letzten Horizont zu: Bedrängnis, Rettung und Auferstehung.
1. Daniel 10: die Eröffnung
Daniel 10 schildert die Umstände, unter denen die letzte große Offenbarung empfangen wird.
Die Szene spielt im dritten Jahr des Kyrus (Daniel 10.1).
Das Kapitel führt außerdem die unsichtbare Dimension des Konflikts ein, indem es insbesondere den Fürsten des Königreichs Persien und das Eingreifen Michaels erwähnt.
Seine Funktion ist hauptsächlich vorbereitend.
2. Daniel 11: die Entfaltung
Daniel 11 ist die geschichtliche und prophetische Hauptentfaltung dieser Offenbarung.
Es beschreibt eine vielschichtige Abfolge von Herrschern, Kriegen, Bündnissen, Umschwüngen und Verfolgungen.
Die moderne Trennung zwischen Daniel 10 und Daniel 11 darf daher nicht vergessen lassen, dass das zweite die im ersten begonnene Offenbarung unmittelbar fortsetzt.
3. Daniel 12: der letzte Horizont
Daniel 12 führt die Offenbarung über die bloßen politischen Konflikte hinaus.
Das Kapitel kündigt eine Zeit der Bedrängnis und dann eine Rettung an.
Dann führt es ausdrücklich die Aussicht auf die Auferstehung ein:
„Und viele, die im Staub der Erde schlafen, werden aufwachen“ (Daniel 12.2).
Der Verlauf des Ganzen lässt sich also so zusammenfassen:
himmlische Offenbarung → geschichtliche Konflikte → Verfolgung → Bedrängnis → Rettung → Auferstehung.
Kommentar 10 - Das Zusammenspiel von Erzählungen und Visionen
Erzählungen und Visionen sind keine zwei nebeneinandergestellten Werke. Die ersten zeigen, wie man inmitten der menschlichen Reiche lebt; die zweiten offenbaren das Schicksal dieser Reiche und das Ziel, auf das die Geschichte zugeht.
1. Die Erzählungen zeigen die Grenzen der Macht
Daniel 3 zeigt, dass Nebukadnezar die drei Judäer zwar zum Feuerofen verurteilen, ihre Vernichtung aber nicht sicherstellen kann.
Daniel 4 zeigt, dass der mächtigste Herrscher gedemütigt werden kann.
Daniel 5 zeigt, dass ein Reich in dem Augenblick untergehen kann, in dem sein Herrscher seine Macht feiert.
Daniel 6 zeigt, dass ein Gesetz Daniel verurteilen kann, ohne seine Rettung zu verhindern.
Diese Erzählungen entfalten also anschaulich ein und denselben Grundsatz:
Die politische Macht ist real, aber begrenzt.
2. Die Visionen weiten diese Aussage aus
Die Visionen wenden denselben Grundsatz auf die Geschichte der Weltreiche an.
Daniel 2 kündigt ihre Abfolge an.
Daniel 7 greift diese Abfolge unter einem anderen Blickwinkel wieder auf.
Daniel 8 benennt bestimmte Mächte.
Daniel 9 konzentriert sich auf Jerusalem, das Volk Daniels und den Messias.
Daniel 10-12 führt schließlich zu den letzten Konflikten, zur Rettung und zur Auferstehung.
Die persönliche Erfahrung Daniels fügt sich so in eine viel umfassendere Geschichte ein.
3. Die Erzählungen lehren, wie man in der Zeit der Reiche lebt
Die Visionen kündigen an, dass die Weltreiche vergänglich sind.
Die Erzählungen antworten auf eine andere Frage:
Wie soll man während ihrer Herrschaft leben?
Daniel 1 antwortet mit Treue inmitten einer fremden Kultur.
Daniel 3 zeigt, dass dem Gehorsam eine Grenze gesetzt ist, wenn die Macht Anbetung verlangt.
Daniel 4 erinnert daran, dass der Herrscher selbst verantwortlich bleibt.
Daniel 5 zeigt, dass der Stolz zum Gericht führen kann.
Daniel 6 zeigt, dass die Treue bewahrt werden muss, wenn das politische Gesetz in unmittelbaren Konflikt mit der Beziehung zu Gott gerät.
Die Erzählungen sind so der konkrete Ausdruck der Theologie der Geschichte, die in den Visionen entfaltet wird.
Kommentar 11 - Ein Weg vom Exil zur Auferstehung
Über seine verschiedenen literarischen Strukturen hinaus weist Daniel einen bemerkenswerten Gesamtverlauf auf. Das Buch beginnt mit der Unterwerfung Jerusalems und dem Exil eines jungen Judäers; es endet mit einer persönlichen Verheißung an Daniel und mit der Hoffnung auf die Auferstehung.
1. Vom Besonderen zum Allgemeinen
Daniel 1 beginnt mit einigen jungen Judäern, die nach Babylon geführt werden.
Die folgenden Kapitel weiten den Blick allmählich.
Persönliche Erfahrungen werden zu Offenbarungen über die Reiche.
Die Reiche führen zur Frage nach dem Volk Daniels und nach Jerusalem.
Die letzten Offenbarungen führen zu Bedrängnis, Rettung und Auferstehung.
Der Verlauf lässt sich so zusammenfassen:
Treue des Einzelnen → Volk Gottes → Abfolge der Reiche → endgültige Erfüllung.
2. Von Daniel 1 zu Daniel 12
Eine besonders bedeutsame Entsprechung zeigt sich zwischen den beiden Enden des Buches.
Daniel 1 zeigt einen jungen Mann, der fern von Jerusalem weggeführt und in den Dienst eines fremden Reiches gestellt wird.
Daniel 12 endet mit einem Wort, das persönlich an denselben Mann gerichtet ist, der nun am Ende seines Weges angekommen ist:
„Du aber geh hin dem Ende entgegen! Du wirst ruhen und wirst auferstehen zu deinem Los am Ende der Tage“ (Daniel 12.13).
Es handelt sich nicht notwendigerweise um einen förmlichen Fall von .
Die Entsprechung hat dennoch eine große erzählerische Kraft.
Am Anfang tritt Daniel in das Exil ein.
Am Ende empfängt er die Verheißung seines Erbes.
Dazwischen haben Herrscher und Reiche einander abgelöst.
3. Das Alter Daniels als Leseschlüssel
Das Buch nennt das Alter Daniels nirgends ausdrücklich.
Man muss daher die zeitlichen Angaben des Textes von den Schätzungen seines Alters unterscheiden.
In der für dieses Studium zugrunde gelegten Annahme wäre Daniel bei seiner Wegführung um 605 v. Chr. etwa vierzehn Jahre alt.
Beim Fall Babylons 539 v. Chr. wäre er dann etwa achtzig Jahre alt und bei seinen letzten Visionen über achtzig.
Diese Altersangaben sind eine chronologische Rekonstruktion und keine ausdrückliche Angabe des Textes.
Sie machen dennoch bewusst, wie außergewöhnlich weit der Zeitraum ist, den das Leben Daniels umspannt.
Eine ausführliche Chronologie wird im Anhang die geschichtlichen Daten, die rekonstruierten Daten und die Schätzungen zu seinem Alter unterscheiden.
Schlussfolgerung
Der Aufbau Daniels offenbart eine weit kunstvollere Komposition als eine bloße Abfolge von zwölf Kapiteln. Die literarische Ordnung entspricht nicht immer der chronologischen; der Wechsel zwischen Hebräisch und Aramäisch gliedert große Einheiten; Daniel 2 bis 7 bildet einen besonders geschlossenen Abschnitt; Erzählungen und Visionen entfalten dieselben Themen in unterschiedlicher Gestalt. Das Ganze führt schrittweise vom Exil zur Hoffnung auf die Auferstehung.
Mehrere Ebenen der Struktur sind also zu unterscheiden.
Daniel 1 bildet die erzählerische und theologische Einleitung.
Daniel 2-7 bildet die große aramäische Einheit, die um die Reiche, die Rettung der Treuen und das Gericht über die Herrscher aufgebaut ist.
Daniel 8 entfaltet eine fortschreitende Vision, deren Symbole zum Teil ausdrücklich gedeutet werden.
Daniel 9 führt von der Lektüre Jeremias und vom Gebet zur Offenbarung der siebzig Wochen.
Daniel 10-12 bildet eine einzige große Schlussoffenbarung.
Zu diesen literarischen Einheiten kommt ein Verlauf hinzu, der das ganze Buch durchzieht:
Exil → Treue → Reiche → Konflikte → Gericht → Rettung → Auferstehung.
Die Struktur ist also kein nebensächliches Element.
Sie trägt unmittelbar zum Verständnis der Botschaft bei.
Die Erzählungen zeigen die Knechte Gottes, die inmitten der Weltreiche leben.
Die Visionen offenbaren, dass diese Reiche selbst vergänglich sind.
Daniel erlebt mehrere Regierungen und sieht schließlich Babylon untergehen, das Reich, das ihn in die Gefangenschaft geführt hatte.
Die folgende Formel könnte den ganzen Aufbau zusammenfassen:
Die Herrscher wechseln, die Reiche vergehen, aber die Herrschaft Gottes bleibt.
Nachdem diese Architektur dargelegt ist, kann nun das Einzelstudium der verschiedenen Kapitel beginnen, ohne die Einheit des Ganzen aus dem Blick zu verlieren.
Zitierte Bibelstellen
Daniel 1.1-21 ; Daniel 2.4 ; Daniel 2.31-45 ; Daniel 3.1-30 ; Daniel 4.4-37 ; Daniel 4.25 ; Daniel 5.1-31 ; Daniel 5.22 ; Daniel 5.31-6.27 ; Daniel 7.1-28 ; Daniel 7.13-14 ; Daniel 8.1-27 ; Daniel 8.20-21 ; Daniel 9.1-27 ; Daniel 10.1-21 ; Daniel 11.1-45 ; Daniel 12.1-13.